Allgemein · Kurzgeschichten

Schattenläufer

Mein Lieblingsnachbar ist Wanni, der in diesem Jahr fünf Jahre alt geworden ist. Wanni ist  ein toller Junge und gelegentlich auch ein ziemlicher Satansbraten. Er ist gerade in seiner Indianerphase und hat mir im Garten schon häufiger gezeigt, dass er schnell laufen kann als sein Schatten. Auch sein Indianereheul ist nicht von schlechten Eltern. Zu seinem Geburtstag habe ich ihm daher diese Geschichte geschenkt. Am Vorabend seines Geburtstages habe ich die Geschichte zusammen mit etwas Schokolade in den Briefkasten geworfen. Seiner Mutter hatte ich schon gesagt, dass dort etwas für Wanni sein wird. Am nächsten morgen um kurz nach neun klingelte es an meiner Tür: Wanni mit seiner Mutter. Sie erzählte mir, sie hätte ihm die Geschichte schon dreimal vorlesen müssen. Und Wanni hätte mir als Dankeschön ein Bild gemalt. Ein Teil der Schokolade bekam ich auch zurück geschenkt. Kinderlogik.(:-) Die Geschichte könnt ihr gern ausdrucken und weitergeben an Nachbarskinder, Nichten, Neffen, Enkel und so weiter. Bitte immer mit dem Hinweis auf meine Website.

 

Schattenläufer

 

Es war einmal ein kleiner Junge, der hieß Wanni. Er lebte mit seinen Eltern und seinem großen Bruder in einem Dorf der Shoshoni an einem großen See mit vielen Tipis. Die Shoshoni waren ein stolzes und mutiges Indianervolk.

Wannis Bruder war fast zehn Jahre alt und hatte wunderschöne lange Haare. Er wurde von allen Goldhaar genannt. Wanni und er verstanden sich sehr gut und Wanni freute sich immer, wenn er zusammen mit Goldhaar durch die Gegend streichen konnte.

Wannis Mutter war berühmt für die schöne Kleidung, die sie aus Leder herstellte und wunderschön bestickte. Wannis Vater unterrichtete die älteren Kinder in allem, was ein Indianer so können muss: anschleichen, mit Pfeil und Bogen schießen und Kämpfen mit dem Messer.

Wanni wollte unbedingt dabei sein, wenn die Kriegerinnen und Krieger des Stammes auf den Kriegspfad gingen. Er war immerhin schon fünf Jahre alt und übte das Anschleichen und Schießen mit dem Bogen. Außerdem trainierte er jeden Tag, so schnell wie möglich zu laufen. Er wollte nämlich schneller werden als sein Schatten!

Leider hatten es seine Eltern bisher nicht erlaubt, dass er mit auf den Kriegspfad ging. Aber er übte weiter jeden Tag, denn man konnte nie wissen, wann es soweit war.

Eines Tages im Herbst versammelten sich die Männer und Frauen des Stammes ganz früh morgens auf dem großen Platz in der Mitte des Dorfes. Die Männer würden auf ihren Pferden mit den langen Mähnen und bunten Decken auf dem Rücken auf Büffeljagd gehen. Die Frauen würden ihnen folgen. Während die Männer die Büffel jagten, würden die Frauen Fleisch, Knochen und Fell der erjagten Tiere verarbeiten. Es war wichtig, dass alle gut zusammenarbeiteten, denn nur so konnte die Jagt erfolgreich sein. Schließlich brauchten sie das Fleisch der Büffel zum Essen und das Fell für den kalten Winter, der bald kommen würde.

Der Häuptling stellte sich in die Mitte des Platzes und wünschte allen viel Erfolg bei der Büffeljagd. Wanni war sehr aufgeregt, denn er wollte unbedingt mit. Wenn er schon nicht auf den Kriegspfad durfte, dann doch wohl wenigstens auf die Büffeljagd. Schnell lief er zum Tipi seiner Familie und schlüpfte in das Zelt.

„Ich will mit zur Büffeljagd!“ rief er und strahlte über das ganze Gesicht.

Seine Mutter, die gerade ein Messer an einem Stein schärfte, sah ihn lächelnd an.

„Aber dafür bist du doch noch viel zu klein, Wanni. Das ist nur etwas für Erwachsene. Denn es ist sehr gefährlich, weißt du? Büffel sind groß und schwer und haben sehr viel Kraft. Und obwohl sie so schwer sind, können sie sehr schnell laufen. Man muss ein guter Schütze sein und sehr gut reiten können. Sonst kann es einem passieren, dass einen ein großer Büffel einfach überrennt!“

Da wurde Wanni sehr wütend. Nichts durfte er! Immer war er zu klein. Das war sehr ungerecht. Wanni stampfte mit dem Fuß auf und brüllte: „Doch! Ich will aber!“

Wannis Mutter seufzte und legte ihm tröstend die Hand auf die Schulter. „ Das geht nicht. Du darfst noch nicht mit,“ sagte sie.

Wanni hatte das Gefühl, als würde sich die Wut in seinem Bauch zusammenrollen zu einem Feuerball, der durch seinen ganzen Körper fuhr.

„Du bist doof!“ schrie er seiner Mutter zu, schnappte sich sein Holzgewehr und verließ das Zelt in Richtung See. Er war so wütend und enttäuscht, dass er weinen musste. Und er schämte sich ein bisschen, denn er wusste, dass man zu seiner Mutter nicht sagen sollte, dass sie doof ist. Denn er hatte eine sehr liebe Mutter.

Wütend vor sich hin schimpfend, ging er immer weiter, am großen See vorbei zum nahe gelegenen Wald. Er wusste, dass er dort nicht allein hingehen sollte, denn der Wald war groß und dunkel und man konnte sich leicht verirren. Außerdem konnte man dort nach Sonnenuntergang Wölfe hören, die die Köpfe in den Nacken legten und den Mond anheulten. Jetzt war es noch nicht dunkel, aber man konnte nie wissen, ob nicht ein Wolf den Weg querte. Manchmal heulten die Wölfe so laut und durchdringend, dass man sie sogar im Dorf noch hören konnte. Und auch Bären mit großen Tatzen waren schon in diesem Wald gesehen worden, die plötzlich hinter einem der alten Bäume, die in den Himmel ragten, hervorkommen konnten. Und Bären waren mindestens so gefährlich wie Wölfe, dass wusste Wanni.

Aber weil Wanni so wütend war, bemerkte er gar nicht, wie weit er schon in den Wald gelaufen war. Er dachte nur darüber nach, wie ungerecht das Leben für einen kleinen Jungen doch sein konnte.

Plötzlich blieb er wie angewurzelt stehen. Er war mitten im Wald und konnte sich gar nicht erinnern, wie er da hingekommen war! Obwohl es noch nicht einmal Mittag war, war der Wald sehr still und dunkel. Nur ein Rabe krächzte in einiger Entfernung.

Dann hörte er plötzlich ein Geräusch und Stimmen. Er sah in einiger Entfernung eine Gruppe von Männern auf Pferden, die sich direkt auf ihn zu bewegten. Wanni sah sich um und entdeckte einen Baum, der beim letzten Sturm entwurzelt worden und auf den Waldboden gestürzt war. Wenn die Männer ihn hier sehen würden, würden sie ihn bestimmt ausschimpfen, denn er durfte ja eigentlich gar nicht allein in den Wald gehen. Schnell kauerte er sich hinter dem Baum dicht an den Boden, damit sie ihn nicht sehen konnten.

Die Männer stiegen von ihren Pferden und ließen sich auf einer kleinen Lichtung nicht weit von ihm nieder. Sie saßen im Schneidersitz zusammen und unterhielten sich.  Wanni erschrak: Die Männer unterhielten sich in einer fremden Sprache, die er nicht verstand. Es waren also gar keine Männer seines Stammes, sondern fremde. Und dann sah er etwas, das ihm den kalten Schauer über den Rücken jagte: Sie trugen Kriegsbemalung.

Offenbar waren es Feinde seines Stammes. Was sollte er tun?

Wanni bekam große Angst und war ganz verzweifelt. Was, wenn die fremden Krieger ihn entdecken würden? Oder wenn sie sein Dorf überfallen würden? Er wusste ja, dass die Männer seines Stammes zur Büffeljagd aufgebrochen waren und erst am Abend oder sogar erst am nächsten Tag zurückkommen würden. Im Dorf waren Frauen, Kinder und alte Menschen. Und nur eine Kriegerin und ein Krieger. Würden sie es schaffen, den Stamm gegen die fremden Indianer zu verteidigen?

Wanni zählte aus seinem Versteck durch, wie viele Männer er sehen konnte. Er zählte über 20. Das waren zu viele. Er überlegte, was er tun konnte. Zum Kämpfen war er zu klein. Aber laufen konnte er. Er würde so schnell wie möglich ins Dorf zurücklaufen und alle warnen.

Also kroch er langsam am Baum entlang. Dann stand er auf und lief gebückt zu den Bäumen. Er presste sich an einen Baum und sah zu den Männern hinüber. Hatten sie ihn entdeckt? Nein, sie unterhielten sich weiter und hatten angefangen zu essen. Wahrscheinlich stärkten sie sich vor dem Angriff. Wanni holte tief Luft und lief los. Er lief so schnell, wie er noch nie im Leben gelaufen war. Immer schneller und schneller, bis er den See erreicht hatte. Dann weiter bis zum Dorf und zum Tipi seiner Familie. Er stürmte ins Zelt und ließ sich völlig erschöpft fallen. Er war so schnell gelaufen, dass er ganz außer Atem war.

„Mama,“ rief er keuchend ,“unser Dorf wird angegriffen. Ich hab Männer mit Kriegsbemalung im Wald gesehen!“

Wannis Mutter sah ihn erschrocken an. „Was sagst du da? Du warst im Wald? Allein?! Und du hast Männer mit Kriegsbemalung gesehen?!“

Wanni erzählte ihr alles. Und seine Mutter handelte sofort. Sie rief eine der Kriegerinnen, die im Dorf geblieben war zu sich und erzählte ihr von Wannis Beobachtung. Im nu war das ganze Dorf informiert und alle liefen zusammen.

„Wir müssen sofort das Dorf verlassen und uns in den Höhlen verstecken!“ sagte die Kriegerin. Ihr Name war Schneller Fuchs. Suchend sah sie sich um und entdeckte Wannis Bruder Goldhaar.

„Nimm dir ein Pferd und reite so schnell du kannst zu unseren Männern. Sie müssen die Jagd abbrechen und sofort zu uns zurückkommen.“

Goldhaar nickte mit großem Ernst und machte sich sofort auf den Weg zum Platz, an dem die übrigen Pferde standen. Er wusste, wohin die Männer aufgebrochen waren, um Büffel zu jagen. Er sprang auf sein Pferd, ein kleines, bunt geschecktes mit schwarzer Mähne und galoppierte davon.

Wannis Mutter führte nun alle Menschen des Stammes in die Höhlen oberhalb des Berges. Dort würden sie sich verstecken. Sie kletterten den steilen Hang hinauf. Die Nachhut bildete Schneller Fuchs und ein weiterer Krieger namens Starke Hand mit Pfeil und Bogen, die sich immer wieder umsahen, ob die Angreifer schon zu sehen waren. Aber sie hatten Glück. Noch war niemand zu sehen. Sie warteten eine ganze Weile und versuchten, keinen Lärm zu machen. Das fiel besonders Wannis sehr schwer, denn er wollte unbedingt seine Mutter fragen, ob sie wohl meinte, dass die Männer seines Stammes rechtzeitig eintrafen.  Dann sahen sie in sicherer Entfernung die fremden Männer des anderen Stammes.

„Cheyenne,“ flüsterte Schneller Fuchs und gab das Zeichen, Pfeil und Bogen zu spannen. Der Stamm der Cheyenne war schon lange mit den Shoshoni verfeindet. Immer wieder gerieten sie aneinander.

Die Cheyenne-Krieger schlichen vorsichtig um die Zelte herum. Sie hatten keine Ahnung, dass das Dorf geräumt war und alle in Sicherheit waren.

Schließlich brachen sie in wildes Kriegsgeheul aus und stürmten die Tipis. Im gleichen Moment schossen Schneller Fuchs und Starke Hand mit Pfeil und Bogen von den Höhlen. Sie waren beide sehr gute Schützen. Die Cheyenne wusste zunächst gar nicht, woher die Pfeile kamen. Sie gingen in Deckung und schossen zurück. Zum Glück trafen sie niemanden. Aber wie lange konnte das gut gehen?

Immerhin hatten die Shoshoni nur zwei Krieger, während die Cheyenne 20 Mann stark waren.

Plötzlich hörten sie donnerndes Hufgetrappel und dann sahen sie die Männer der Shoshoni im wilden Galopp heran preschen, ganz vorn mit dabei war Goldhaar mit seinem Pferd. Er hatte es tatsächlich geschafft, die Büffeljäger einzuholen. Sie hatten die Büffeljagd sofort abgebrochen und waren umgekehrt. Sie kamen gerade rechtzeitig.

Wanni war sehr erleichtert. Als die Cheyenne die große Menge an Männern auf Pferden sahen, traten sie sofort den Rückzug an, denn sie wussten, sie hatten keine Chance. Sie rannten zum See und wurden bis in den Wald verfolgt. Dort sprangen sie auf ihre Pferde und jagten davon.

Im Dorf waren alle sehr erleichtert. Sie waren von den Höhlen zurückgekommen und versammelten sich auf dem Dorfplatz. Alle sprachen aufgeregt durch einander. Und immer wieder hörte Wanni seinen Namen. Er hatte sie gerettet, weil er so schnell gelaufen war und sie warnen konnte. Immer wieder kamen Stammesmitglieder vorbei und klopften ihm auf die Schulter. Auch sein Vater, der allerdings ein wenig schmunzeln musste.

„Eigentlich müsste ich böse mit dir sein. Du sollst nicht allein in den Wald gehen. Aber diesmal will ich mal nicht so sein, denn so konntest du die fremden Krieger sehen und alle warnen. Du musst sehr schnell gelaufen sein.“

„Ja,“ sagte Wanni,“ das bin ich, Papa. Ich bin schneller gelaufen als mein Schatten!“

Am Abend gab es auf dem Dorfplatz ein großes Fest. Es gab leckeres Essen, ein großes Lagerfeuer und alle unterhielten sich mit einander. Die Kinder spielten zusammen und alle wollten von Wanni wissen, wie er es geschafft hatte, so schnell zu laufen. Wanni war stolz auf sich. Zwar war er kein Krieger und durfte noch nicht zur Büffeljagt. Aber er konnte etwas, das allen geholfen hatte: schneller laufen als sein Schatten.

Schließlich trat der Häuptling zu Wanni und legte ihm die Hand auf die Schulter. Er war ein großer Mann mit tiefer Stimme und eigentlich hatte Wanni immer ein bisschen Angst vor ihm. Aber diesmal nicht. Der Häuptling sagte mit seiner tiefen Stimme so laut, dass es alle hören konnten: „ Wanni war sehr mutig. Obwohl er noch so klein ist und erst fünf Jahre alt, ist er schneller gelaufen als sein Schatten. Daher soll er heute einen neuen Namen bekommen: Schattenläufer.“

Alle um ihn herum nickten anerkennend und viele kamen, um ihm zu seinem neuen Namen zu gratulieren. Alle feierten noch bis tief in die Nacht. Und als Wanni später mit seiner Familie im Tipi lag und sich auf seinem Schlafplatz in sein Fell kuschelte, flüsterte er seinen neuen Namen: Schattenläufer.

c/o Cordula Gartmann , feinetexte.org

 

 

 

 

 

Allgemein · Blog · Vom Flüchten

Erste Vorstellung auf Buchblog

Heute ist Freitag, der 13. und ich bin hoch erfreut. Denn heute werden ich und mein Roman auf dem Buchblog “ Wortwucher“ von Dorothea Stiller vorgestellt. Dorothea gibt auch Autoren, die keinen großen Verlag hinter sich haben, eine Möglichkeit, sich vorzustellen. Eine tolle Sache! Schaut doch mal rein , dort findet ihr auch Rezensionen anderer Bücher und Buchtipps.

Allgemein · Blog · Vom Flüchten

Erste Rezension auf Lovelybooks

Auf Lovelybooks ist soeben die erste Rezension meiner Leserunde erschienen:

Janna ist 13 Jahre alt, als sie zusammen mit ihrer Mutter, ihrer Tante und ihren Geschwistern am Ende des 2. Weltkrieges vor der eintreffenden russischen Armee fliehen muss. Sie berichtet aus ihrer Sicht von den schrecklichen Vorkommnissen, dem Leben als Flüchtlinge, den großen Entbehrungen und dem Kampf ums Überleben. Doch es kommt noch schlimmer. Eine weitere Flucht folgt. Was wirklich zählt und ihnen über diese fast unvorstellbare Zeit hilft, ist der familiäre Zusammenhang und die enorme Stärke der Frauen.

Sehr bewegend, berührend und emotional mitreißend erzählt Cordula Gartmann diese äußerst beeindruckende Geschichte „Vom Flüchten“. Ich habe die Geschichte durchgelesen, ohne aufhören zu können. Sie ist so voller Substanz. Flucht und Vertreibung sind keine Themen, die nur zu dieser Zeit vorkamen, sie sind auch in unserer Zeit allgegenwärtig, wichtig und aktuell. Wir dürfen unsere Augen und Herzen nicht verschließen, sondern anerkennen, dass auch wir helfen können und uns nicht in Vorurteilen verlieren. Zum anderen sind auch heute noch in der deutschen Gesellschaft die Konsequenzen unserer Vergangenheit und den Traumatisierungen einer ganzen Generation spürbar.
Absolute Leseempfehlung.

So kann man einen Sonntag starten!